ADHS und Geld – oder: dein Gehirn ist nicht kaputt, nur teuer
- Claudia Majer
- 27. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Stell dir vor: Du öffnest deine Banking-App. Du scrollst. Du scrollst nochmal. Du legst das Handy weg, machst dir einen Kaffee, überlegst ob du vielleicht einfach nie wieder deine Banking-App öffnest. Willkommen in einer ganz eigenen Welt. Willkommen im Leben mit ADHS.
Geld und ADHS – das ist eine Beziehung die niemand freiwillig eingehen würde. Und trotzdem stecken so viele von uns mittendrin.
Erstmal die gute Nachricht
Du bist nicht schlecht mit Geld. Du bist nicht verantwortungslos. Du bist nicht „einfach zu impulsiv” oder „einfach zu chaotisch”.
Dein Gehirn funktioniert anders. Und das Geldsystem wurde leider von jemandem erfunden der sehr wahrscheinlich kein ADHS hatte. Vermutlich saß er ordentlich an seinem Schreibtisch, hatte einen Terminkalender und vergaß nie eine Rechnung. Herzlichen Glückwunsch ihm.
Warum ADHS und Geld so eine komplizierte Combo sind
1. Das Gehirn liebt Jetzt – nicht Später
ADHS-Gehirne haben eine besondere Beziehung zur Zeit. Es gibt eigentlich nur zwei Zeitformen: Jetzt. Und Nicht-Jetzt.
Die Handtasche die du jetzt siehst? Jetzt.
Die Stromrechnung die in drei Wochen fällig ist? Nicht-Jetzt.
Vollkommen abstrakt. Fast nicht real.
Das ist kein Charakterfehler – das ist Neurobiologie. Der präfrontale Cortex, zuständig für Planung und Impulskontrolle, arbeitet bei ADHS einfach anders. Er ist nicht kaputt. Er braucht nur… andere Anreize.
2. Impulskäufe als Dopamin-Tankstelle
Kennst du dieses Gefühl, wenn du etwas kaufst und für einen kurzen Moment alles gut ist? Das ist kein Zufall.
ADHS-Gehirne haben oft einen niedrigeren Dopaminspiegel. Und Einkaufen ist eine der schnellsten Methoden Dopamin zu bekommen. Klick, kaufen, Päckchen, auspacken, glücklich – für etwa 20 Minuten. Dann schaust du das Päckchen an und du fragst dich, warum du drei identische Notizbücher bestellt hast, obwohl du nie Notizen machst.
Ich sage nur: Ich deute an, dass ich das kenne.
3. Rechnungen vergessen ist kein Wille – es ist Arbeitsgedächtnis
Das Arbeitsgedächtnis bei ADHS ist wählerisch. Es merkt sich was interessant ist. Eine Rechnung ist nicht interessant. Also verschwindet sie. Nicht böswillig. Einfach – weg.
Bis der zweite Mahnbrief kommt. Und man sich fragt wie das passieren konnte, obwohl man doch… eigentlich… irgendwie… wusste, dass da was war.
Was wirklich hilft – und was nicht
Was nicht hilft:
•„Du musst einfach disziplinierter sein” (danke, hatte ich nicht dran gedacht)
•Komplizierte Haushaltsbücher mit 47 Kategorien
•Apps die man nach drei Tagen vergisst
•Schlechtes Gewissen (sehr beliebt, völlig wirkungslos)
Was wirklich hilft:
Automatisierung ist dein bester Freund. Alles, was automatisch passiert muss dein Gehirn nicht erinnern. Dauerauftrag für Miete, Strom, Versicherung – einrichten und vergessen. Im besten Sinne.
Sichtbarkeit schlägt Willenskraft. Ein Kontostand, den du nicht siehst, existiert für dein ADHS-Gehirn kaum. Manche schwören auf ein Whiteboard mit aktuellem Kontostand. Klingt old-school. Funktioniert erstaunlich gut.
Kleines Budget für Impulskäufe. Kein Witz. Ein festes „Taschengeld” jeden Monat das du ausgeben darfst ohne schlechtes Gewissen. Dein Dopamin wird es dir danken. Dein Konto auch.
Erinnerungen mit Alarm – nicht mit Willen. Rechnungen nicht mental merken. Sofort Alarm ins Handy. Für drei Tage vorher. Dein zukünftiges Ich wird dich lieben.
Das Wichtigste zum Schluss
Wenn du dich in diesem Artikel wiedererkennst – du bist in guter Gesellschaft. Sehr guter sogar.
ADHS und Geld ist eines der Themen, über die kaum jemand spricht, obwohl es so viele betrifft. Es gibt Scham. Es gibt das Gefühl ,man sollte das doch eigentlich hinbekommen. Man ist schließlich intelligent. Man weiß wie Geld funktioniert. Theoretisch.
Aber Wissen hilft nicht, wenn das Gehirn anders verdrahtet ist. Was hilft sind Strukturen, die zu diesem Gehirn passen – nicht Strukturen die für ein neurotypisches Gehirn gemacht wurden.
Und genau daran arbeite ich mit meinen Klient*innen. Nicht daran „normal” zu werden. Sondern daran herauszufinden was für dein Gehirn funktioniert.
Weil dein Gehirn es verdient verstanden zu werden – auch vom Kontostand.
Und wenn du gerade nickst während du das liest – vielleicht sogar auf deinem Handy, während irgendwo eine ungelesene Rechnung wartet – dann ist das kein Zufall.
Das ist dein Zeichen.
Nicht morgen. Nicht wenn du „erstmal alles sortiert hast” – wir wissen beide wie das endet.
Jetzt. Ein unverbindliches Erstgespräch ca 30 Minuten. Kein Fragebogen, keine Erwartungen – einfach schauen, ob wir zusammenpassen.
Dein zukünftiges Ich wird es dir danken



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